EDITORIAL: Die Bedeutung von Symptomen


Editorial

Aus dem Newsletter Aug 2014, © JOLANDOS e.K. 2014

Die Bedeutung von Symptomen


Liebe Freundinnen und Freunde der Osteopathie,

eine große Stärke der Osteopathie ist ihr unabhängiges Denken. Kein Aspekt ist zu trivial oder etabliert, um nicht ebenso ernsthaft wie schonungslos erforscht und ggf. mit guten Argumenten kritisiert zu werden. Nehmen wir beispielsweise A.T. Stills Ablehnung der Symptomatologie. Unkritisch betrachtet kann man durchaus feststellen, dass die Verwendung von Symptomen doch enorme Vorteile bietet:

  • Ich kann mit ihnen eine Krankheit bestimmen/behandeln (Diagnose).
  • Ich kann Rezepte ausstellen/abrechnen, da ich eine Diagnose eintragen kann.
  • Ich entlaste Patienten (und mich), weil ich sagen kann, was sie 'haben'.

Nun ist Osteopathie laut ihrem Entdecker primär eine Philosophie. Nicht eine bestimmte philosophische Denkrichtung, sondern Philosophie im ursprünglichen Sinn: die skeptische und unabhängige Suche nach Erkenntnis, geleitet vom Ideal der Wahrheitssuche, erschlossen durch Logik und motiviert durch den Wunsch nach einer guten Lebensführung. Versuchen wir also mal über den Begriff der Symptome im Zusammenhang mit der Osteopathie zu philosophieren und ziehen daraus unsere Schlüsse:

Symptome sind zunächst einmal nur Hinweise des Organismus auf physiologische Anpassungsprozesse aufgrund veränderter Gegebenheiten. Sie repräsentieren daher keine pathologischen, sondern hyper- oder hypophysiologische Prozesse, die darauf hindeuten, dass der Informationsfluss zu oder von den Symptomgebieten irgendwo innerhalb des Körpers gestört sein muss.

Der Begriff 'Sonne' entstand aufgrund von Beobachtungen eines physikalisch real existierenden eigenständigen Phänomens und bezeichnet damit ein real existierendes Objekt. Auch Symptome existieren in der physikalischen Realität. Demgegenüber sind darauf basierende Krankheitsbegriffe rein theoretische Konstrukte, die in der physikalischen Realität nicht als solche, d.h. nicht als eigenständige 'Wesen', existieren. Dies gilt gleichermaßen für die Überbegriffe 'Krankheit' oder 'Gesundheit'. Beide existieren in der objektiven Realität nicht als solche.

Beim gesundheitsorientierten Ansatz der Osteopathie geht es um die Behandlung des gesamten 'Systems' Mensch und nicht um das Beseitigen einer 'Krankheit'.

Aus 1-3 schließen wir:

Symptome dienen in der Osteopathie als reale Anhalts- und Ausgangspunkte bei der Suche nach jenen Stellen, an denen der natürliche Mechanismus unseres Körpers zur Selbstregulation reale Unterstützung benötigt. Zur Benennung einer 'Krankheit' spielen sie ebenso wenig eine Rolle wie die Krankheitsbenennung an sich im klinischen Kontext der Osteopathie eine Rolle spielt. Die einzige osteopathische Diagnose kann folglich nur lauten: Mensch.

Was aber folgt nun ganz praktisch aus den eben gemachten Reflexionen?

Ohne Krankheits-Diagnose kann ich kein Rezept mehr ausstellen/abrechnen.

Ich verliere meinen Status als Gesundmacher/Heiler, da es keine Krankheit mehr zu 'heilen' gilt.

Ich enttäusche ggf. Patienten, weil ich ihnen nicht mehr sagen kann, was sie 'haben'.

Das eröffnet neue Fragen: Soll ich eine Krankheits-Diagnose stellen? Zementiere ich dadurch nicht sogar das krankheitsorientierte System noch? Darf ich mich dann noch immer 'Osteopath' nennen? Kann ich die geforderten pathogenetischen 'Formalitäten' erfüllen und zugleich 'gesundheitsorientiert' denken und handeln? Wie kommuniziere ich dann mit anderen Gesundheitsberufen? etc. etc.

Sie sehen, es gibt gute Gründe, Osteopathie nicht als Philosophie, sondern lediglich als 'Verfahren' oder 'Methode' zu deklarieren. Das ist bequemer, einträglicher und vor allem ungefährlicher im Reich der krankheitsorientierten 'Drachentöter'. Bleibt die Frage: Wie redlich ist diese Einstellung?

Nur mal so nachgedacht....


Ihr

Christian Hartmann
Christian Hartmann
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