EDITORIAL: Eine neu gedachte Welt
Liebe FreundInnen und Freunde der Osteopathie,
bevor ich zum Editorial komme, möchte ich Sie zu einem neuen Feature auf meiner neuen JOLANDOS-Website einladen. Dem Beispiel des DGOM-Café folgend, eröffne ich im August Drew's Bar. Anders als dort wird der Schwerpunkt aber nicht auf klinischen Themen liegen, sondern auf dem Austausch über Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der Osteopathie. Drew’s Bar soll damit zum Treffpunkt für junge und junggebliebene StudentInnen und OsteopathInnen sein, die den Perspektivewechsel suchen, gern über den Tellerrand blicken, sich und die Welt hinterfragen und die Zukunft der Osteopathie mitgestalten wollen. Bis Ende des Jahres sind vier Termine geplant.
- Erster Termin: 19.08.26 um 19:30 - 21:00 Uhr. (ZOOM-Link)
- Erstes Thema: Wie erlebt ihr die Osteopathie?
- Öffentliche Veranstaltung! Eintritt frei! Keine Aufzeichnung oder Protokollierung!
- Getränke und Chips bitte selber mitbringen… 😉
Ich freue mich über Ihr Dabeisein!
Nun aber zum Editorial ...
Eine neu gedachte Welt
Lesezeit ohne Links ca. 15 min, mit Links ca. 35 min.
PARADIGMAWECHSEL IN BERLN
Bisher dachte ich: in Berlin geht die berufliche Anerkennung der Osteopathie in die heiße Phase. Diese Antwort von Frau Borchardt (als Vertreterin der Regierung) auf eine Anfrage in abgeordentenwatch.de, lässt etwas anderes vermuten. Zusammengefasst könnte man den Beitrag so deuten: 'Liebe OsteopathInnen, offensichtlich gibt es Meinungsverschiedenheiten über das Verständnis darüber, was Osteopathie sein soll. Deshalb drücken wir jetzt mal auf Pausetaste. Setzt euch zusammen, klärt einvernehmlich wer ihr seid, danach was ihr wollt. Dann sehen wir weiter.' Gut möglich, dass die öffentliche Aufklärung und Ihre kritischen Fragen der letzten Wochen und Monate hier bereits Wirkung zeigen. Jedenfalls ist damit ein Paradigmawechsel eingeläutet: lag der berufspolitische Primärfokus der bisher in Berlin vertretenen Gruppen auf dem ‚Außen‘ (Politik und Öffentlichkeit), verweist Berlin sie nun zurück nach ’Innen‘, um mit allenVertretungen der Osteopathie eine einvernehmliche Identitätsbestimmung vorzunehmen. Das hat weitreichende Folgen: Geld, Größe, Ansehen, Titel, machtbasierte Deutungshoheit, verlieren bei einer ernsthaften Identitätsbestimmung ihre Bedeutung, denn hier kann es nur ein Kriterium geben: an Quellen überprüfbare Argumente.
PRÜFEN STATT GLAUBEN
Wie alle Menschen neige auch ich gerade bei emotional besetzten Themen zur verzerrten Interpretation. Deshalb habe ich Frau Borchardt direkt über ihre Bundestag-Website kontaktiert, um meine Deutung zu überprüfen. Dabei habe ich mir erlaubt, sie in ihrer Erkenntnis einer Identitätsproblematik der Osteopathie zu bestätigen und dies aus historisch reflektierter Sicht knapp untermauert (s.a. HRO-Videomodule 2.7. und 2.8. und in fast allen JOLANDOS-Editorials seit 2024.). Ihre prompte und ausführliche Antwort war privat an mich gerichtet, daher möchte ich nur die Quintessenzen daraus nennen (wer die nachfolgenden Punkte überprüfen will, kann sie ja kopieren, direkt an Frau Borchhardt schicken und ebenfalls um Ihre Stellungnahme bitten):
- Eine gesetzliche Anerkennung ist verfrüht, solange seitens der Interessensgruppen kein einvernehmliches Berufsverständnis vorliegt.
- Die historische Perspektive wird als relevant erachtet (sic!), da sie aufzeigt, dass es um die vorgelagerte Frage geht, was Osteopathie überhaupt sein soll. (Anm: Interessant, dass Berlin die Bedeutung der Geschichte für die dentitätsfrage sofort erkannt hat, während die Osteopathie Allianz trotz jahrelanger geduldiger Aufklärung immer noch nichts verstanden zu haben scheint.)
- Es ist aufzuzeigen, warum eine berufliche Etablierung der Osteopathie notwendig ist, d.h. ob sich bei Unterlassung konkrete Versorgungsprobleme ergeben würden.
- Die Interessensgruppen müssen auch erklären, warum Osteopathie nicht wie bisher im Rahmen bestehender heilkundlicher Berufe (Arzt & HP) ausgeübt werden kann.
- Mit Ausbildungen dürfen bei den Auszubildenden keine Erwartungen geschürt werden, die das geltenden Berufsrecht nicht trägt.
Berlin hat also tatsächlich die Pausetaste gedrückt und spielt den Ball mit der Botschaft ‚Einigt euch!‘ an die Osteopathie zurück. Und nun? Die jetzigen EntscheidungsträgerInnen der in Berlin vertretenen Interessensgruppen werden sich wohl kaum mit allen InteressensvertreterInnen der Osteopathie an einen runden Tisch setzen, um die Identität der Osteopathie einvernehmlich zu klären. Das wäre in ihrer Selbstwahrnehmung ja weit unter der eigenen Würde. Andererseits, weiter wie bisher geht für sie nun auch nicht mehr. Was also tun?
ÜBER DEN TELLERRAND
In Zwickmühlen wie diesen, wende ich meinen ‚Weg-und-Hin-Mechanismus‘ an: das Problemfeld in Gedanken verlassen (über den Tellerrand denken), in fremden Bereichen Erkenntnisse sammeln, diese auf das Problemfeld zurück reflektieren und jenseits eingefahrener Denkgewohnheiten frei mit Ideen spielen. Also habe ich mich gefragt: haben andere therapeutische Berufe ähnliche Probleme? Und tatsächlich: die Chiropraktik durchläuft fast die gleichen Prozesse der Identitätsproblematik wie die Osteopathie. Das tolle daran: hier existieren bereits soziologische Arbeiten, die den Umgang der Chiropraktik mit ihrer Identitätsproblematik von Außen analysiert haben. Hier die wohl interessanteste: Deutsch (KI-Übersetzung) / English. (Der Tipp kam übrigens von Dr. Robert Schleußner, der inzwischen auch einen interessanten Beitrag zur aktuellen Berufspolitik verfasst hat.).
Überträgt man das Fazit der Studie auf die Osteopathie, erscheint eine Spaltung, also eine kompetitive Teilung, am wahrscheinlichsten. Auf der einen Seite würde eine wissenschaftsbasierte Osteopathie (‚Berliner Variante‘ – stark wissenschaftsorientiert) stehen, auf der anderen Seite eine wissenschaftsinformierte bzw. heilkundliche Osteopathie (‚HP-Variante‘ – wissenschaftsinteressiert, aber stärker praxisorientiert). Beide würden ihre aktuellen Grabenkriege weiterführen, eine einvernehmliche Identität bliebe utopisch und die Osteopathie würde weiter zerrissen werden. Sieht nicht gut aus. Genau der richtige Moment, um jenseits eingefahrener Gewohnheiten zu denken und frei mit Ideen zu spielen.
WAS WÄRE, WENN … – drei Sprünge
Was wäre, wenn sich die InteressensvertreterInnen der deutschen Osteopathie sich – wie von Berlin angemahnt – an einem runden Tisch treffen würden; dies aber nicht, um eine einvernehmliche Identität zu formulieren, sondern – der erste Denksprung – um eine kooperative Teilung zu beschließen. Was meine ich damit?
KOOPERATVE TEILUNG
Schritt 1: Baum, Wurzeln und Stamm
Alle Interessensgruppen versichern sich zunächst gegenseitige Unterstützung. Anschließend identifiziert man gemeinsam die verbindenden Maximen und Prinzipien (z.B. Selbstheilung). Das wäre dann bildlich gesprochen der Stamm des Baums ‚Osteopathie‘, gespeist und bestätigt aus den Wurzeln der ursprünglichen Philosophie der Osteopathie (Warum hier Geschichte unerlässlich ist, siehe die Editorial-Serie Qui vadis Osteopathie?)
Schritt 2: Zwei Hauptäste
Anschließend identifiziert man im gegenseitig befruchtenden Austausch die divergierenden Maximen und Prinzipien (z.B. die Rolle von Naturwissenschaft, Titeln, klinischer Inhalte, Subjektivität, qualitative Palpation etc.). Damit entspringen aus dem Stamm zwei starke Hauptäste, die als wissenschaftsbasierte und wissenschaftsinformierte (heilkundliche) Osteopathie nicht nur parallel existieren, sondern sich auch gemeinsam als Teil des Baums ‚Osteopathie‘ weiterentwickeln könnten.
Schritt 3: Gelebte Kooperation
Da alle demselben Baum anzugehören, würden Alleingänge nicht nur der Osteopathie, sondern letztlich allen Schaden. Daher – der zweite Denksprung –, arbeiten sie eng zusammen, informieren und befruchten sich gegenseitig und unterstützen sich sogar in der Außendarstellung. Die Botschaft an Politik und Öffentlichkeit müsste lauten: ‚Wir sind zwei Seiten derselben Medaille – und wir arbeiten zusammen!‘
Warum also weiterhin im kompetitiven Entweder-Oder-Modus unnötig Ressourcen verschwenden und die Osteopathie immer weiter zerreißen? Warum nicht in einer neu gedachten Welt die osteopathiefördernden Kräfte durch eine kooperative Teilung im viel zeitgemäßeren Entweder-UND-Oder-Modus sogar noch potenzieren? Rechtlich wäre diese Lösung in Deutschland aufgrund des HP-Berufs möglich. Der wissenschaftsbasierte Ast könnte einen für Berlin passenden Referentenentwurf ausarbeiten und der wissenschaftsinformierte (heilkundliche) Ast unter dem HP-Schutzmantel eigene Qualtätskriterien entwickeln. Alle würden von der Kooperation profitieren und die größten GewinnerInnen wären die Osteopathie selbst und die zukünftigen Osteopathie-Generationen. Es wäre soooo einfach… würden sich die EntscheidungsträgerInnen in der Osteopathie nicht selbst allzu sehr von Denkgewohnheiten zur Durchsetzung ihrer Partikularinteressen diesseits ihres Tellerrands gefangen halten. Aber keine Sorge, es kommt noch ein weiterer wichtiger Denksprung.
WAS WÄRE, WENN … der entscheidende Sprung
Was wäre, wenn sich die ‚Willigen der Kooperation‘ aus allen Lagern (und damit meine ich von Anfang an auch und vor allem die Jungen und Junggebliebenen) vernetzen und organisieren würden, um gemeinsam eine entsprechende Interessensvertreung und einen runden Tisch gründen? Und die ‚big playern‘? Sind herzlich eingeladen – wenn sie an einer kooperativen Teilung glaubhaft teilhaben wollen. Fehlende finanzielle Mittel? Die Geschichte lehrt: Die meisten großen Dinge haben einmal klein angefangen! Außerdem befinden wir uns an einem Kipppunkt. Selbst winzigste Initiativen könnten schon morgen die Fundamentsteine einer neu gedachten Welt sein. Außerdem gibt es für die kooperative Teilung zwei mächtige Verbündete: Berlin (Aufruf zur Klärung) und die Zeit (Pausetaste). Fehlt nur noch eine Plattform für die ‚Willigen und Vernünftigen‘. Aber auch hier schweben schon die ersten Ideen in den Raum… 😉
Sie sehen, die deutsche Osteopathie durchläuft momentan eine wirklich spannende und potenziell schöpferische Krise von historischer Dimension. Zukünftige Generationen werden darauf interessiert zurückblicken. Was werden sie wohl sehen? Streit? Versöhnung? Wie werden sie urteilen? Hart? Wohlwollend? Welche Reflexionen auf ihre Gegenwart werden sie durch die Erkenntnisse im Blick auf unsere Zeit machen? Welche Geschichten werden sie über uns erzählen? Wir werden es nie erfahren….
In diesem Sinn wieder zum Tagesgeschäft….
Ihr
Christian Hartmann