EDITORIAL: Geschenkte Geschichte
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Liebe Freundinnen und Freunde der Osteopathie,
wieder einmal möchte ich dieses Editorial nutzen, um anhand aktueller berufspolitischer Debatten zu zeigen, wie wichtig historische Forschung und Reflexion ist. Auslöser hierfür war ein E-Mail-Rundschreiben des VOD, das mir unaufgefordert zugeschickt wurde. In ihm geht es um die VOD-Ausbildungsrichtlinien, die nach Ansicht des VOD für eine berufliche Anerkennung zu erfüllen sind. Der Grund für die Versendung des Rundschreibens und die Auswahl der Adressaten spielen in diesem Editorial keine Rolle. Es geht vorrangig um den Inhalt, den ich zunächst kommentieren und anschließend historisch untersuchen werde. Die Kommentare spiegeln meine persönliche Meinung wider. Die Links sind gesetzeskonform.
FORMALE ANALYSE DES VOD-RUNDSCHREIBENS
In der Einleitung des VOD-Rundschreibens wurden die Adressaten darüber informiert, dass sie bis zum 07.09.26 Fragen zu den Ausbildungsrichtlinien im Hinblick auf die berufliche Anerkennung der Osteopathie in schriftlicher Form einreichen durften (sic!). In einem Teammeeting wurden diese Fragen dann am 16.09.2026 online von der VOD-Präsidentin Marina Fuhrmann beantwortet. Auf Wunsch konnten Fragen bei diesem Meeting auch anonymisiert vorgelesen werden.
Die Verfasserin oder der Verfasser des Rundschreibens – offensichlich nicht Frau Fuhrmann selbst – betont, wie wichtig es ihr oder ihm persönlich sei, dass die VOD-Mitglieder in der jetzigen Phase der Berufspolitik gut informiert und mündig seien und sich an der Diskussion beteiligten. Darauf folgen die VOD-Ausbildungsrichtlinien. Sie entsprechen im Wesentlichen den WHO Benchmarks for Training in Osteopathy (WHO-Benchmarks) beziehungsweise dem daran angelehnten CEN-Standard EN 16686:2015 Osteopathic healthcare provision (CEN-Standard). Beide Dokumente waren als Download beigefügt.
KRITIK AN DER AKADEMISIERUNG UND ALLOPATHIESIERUNGK
Auffallend sind bei den VOD-Ausbildungsrichtlinien zwei Schwerpunkte:
- starke Ausrichtung an den Naturwissenschaften;
- starke Ausrichtung an der medizinischen Differenzialdiagnostik.
‚Das ist doch alles nur für die Politikerinnen und Politiker in Berlin. Natürlich machen wir es in der Praxis anders‘, höre ich an dieser Stelle immer wieder. Welche gefährlichen Folgen dieses naive Denken für das ursprüngliche Verständnis der Osteopathie haben könnte, lässt sich an der Entwicklung der Osteopathie in den USA und in England beobachten. Damit ich an dieser Stelle aber nicht falsch verstanden werde: Medizinisches Wissen und Naturwissenschaften sind von großer Bedeutung und bereichern die Osteopathie nachhaltig! Gehen beide – wie in den WHO-, CEN- und VOD-Richtlinien – aber über einen rein informellen Status hinaus, also über eine wissenschaftsinformierte Osteopathie, und werden sie zu primären Orientierungspunkten in Ausbildung und Praxis, bedeutet dies eine radikale Transformation der bisherigen nichtärztlichen Osteopathie in eine wissenschaftsbasierte und damit vorwiegend medizinische Osteopathie. Zudem bestünde bei einer entsprechenden Anerkennung die Gefahr der Überbürokratisierung, Kontrolle, sowie Einflussnahme durch nicht-osteopathische Interessensgruppen. Subjektive Aspekte – also jene Aspekte, die bei einer wissenschaftsinformierten Osteopathie eine essenzielle Grundlage für Individualität, Menschlichkeit sowie autonomes Denken und Handeln bilden – hätten hier wohl kaum noch einen Platz. (Ich persönlich denke, alle Osteopathinnen und Osteopathen sollten in Grundzügen Studien und medizinische Diagnostik beurteilen können. Dass Studierende wissenschaftliche Arbeiten erstellen müssen und Lehrende akademische Titel vorweisen müssen, um unterrichten zu dürfen, halte ich dagegen für unzureichend begründet.)
KRITIK AM ARGUMENT 'PATIENTENSICHERHEIT UND QUALITÄTSSICHERUNG'
Aber was ist mit dem VOD-Argument, die berufliche Anerkennung beziehungsweise die mit ihr verbundene Akademisierung diene der ‚Patientensicherheit und Qualitätssicherung‘?
- Internationale Studien zum Zusammenhang zwischen Akademisierung und Patientensicherheit in teilweise akademisierten Gesundheitsberufen zeigen, dass die pauschale Aussage, Akademisierung verbessere automatisch die Patientensicherheit, nicht ausreichend belegt ist. (Quellen) Lediglich für die Pflege gibt es konsistente Hinweise auf einen solchen Zusammenhang. Die dort beobachteten Ergebnisse lassen sich jedoch nicht ohne Weiteres auf die Osteopathie übertragen, weil sich Tätigkeitsprofile, Ausbildungsziele, Versorgungssituationen und Sicherheitsrisiken erheblich unterscheiden. (Zudem werden die innere Haltung und die soziale Grundkompetenz als maßgebliche Faktoren für Patientensicherheit nicht untersucht).
- Die berufliche Anerkennung wird wahrscheinlich zu einer deutlichen Bürokratisierung und Kontrolle des osteopathischen Praxisalltags führen und wertvolle heilkundliche Denk- und Arbeitszeit in der Praxis binden. Dass dies der Patientensicherheit zugutekommen soll, erscheint eher unwahrscheinlich.
- Vertrauen ist das Fundament jeder freiheitlichen Demokratie. Wer den Eindruck vermittelt, dass eine relevante Zahl von Therapeutinnen und Therapeuten unter Berufung auf die Heilpraktikererlaubnis Leistungen als Osteopathie anbietet, die aus seiner Sicht nicht den fachlichen Anforderungen entsprechen, handelt nicht nur politisch bedenklich, sondern auch respektlos gegenüber der überwiegenden Mehrheit der hervorragend und sicher arbeitenden Osteopathinnen und Osteopathen mit heilkundlicher Praxiserlaubnis.
- Zum Thema Qualitätssicherung: Hier müsste zunächst einmal genau geklärt werden, was der VOD unter Qualität versteht und worauf sie sich beziehen soll. Bis dahin ist die Aussage lediglich ein diffuser Slogan.
Nun frage ich mich: Warum verficht der VOD er als Vertreter der nichtärztlichen Osteopathie in Deutschland die Durchsetzung einer beruflichen Anerkennung der Osteopathie, die nachweislich auf ärztlich-angelsächsisch geprägten Vorgaben basiert?
Um hier eine vernünftige Hypothese entwickeln zu können, ist ein historischer Rückblick zwingend erforderlich.
HISTORISCHE REKONSTRUKTION
Zoomen wir zurück in die Jahre 1971/72. In dieser Zeit erfuhr die chinesische Medizin, insbesondere die Akupunktur, im Westen erstmals eine außergewöhnlich große mediale Aufmerksamkeit. Zusammen mit der Hippiebewegung führte dies, ausgehend von den USA, zu einem Boom traditioneller Methoden in der westlichen Welt. Auch die Osteopathie profitierte davon.
OIA/WHO
Die WHO intensivierte ihre systematische Bestandsaufnahme und ihre Regulierungsperspektive gegenüber der traditionellen, komplementären und alternativen Medizin insbesondere ab den 1990ern. Eine erste globale Erhebung wurde 2002 durchgeführt. Der darauf aufbauende Global Atlas wurde 2004 fertiggestellt und 2005 veröffentlicht. Dies setzte vermutlich 2003 die Gründung der Osteopathic International Alliance (OIA) in Gang, die 2005 inauguriert wurde.
Schon früh arbeitete die gerade entstehende OIA mit der WHO an den Guidelines on Basic Training in Osteopathy. Eine wichtige Kraft in diesen Prozessen war die American Osteopathic Association (AOA), die auf der Website der OIA zusammen mit drei weiteren amerikanischen Osteopathieverbänden und einem französischen Osteopathieverband als Gründungsmitglied genannt wird.
Noch 2005 wurde der Mitgliederkreis um zwei weitere amerikanische Verbände und einen japanischen Verband erweitert. 2006 kamen schließlich 19 Mitglieder aus unterschiedlichen Ländern hinzu, darunter auch die DAAO und die DGOM, die die deutsche Osteopathie vertraten. Ab diesem Zeitpunkt waren auch europäische Verbände sowie das 2005 vom britischen General Osteopathic Council (GOsC) gegründete Forum for Osteopathic Regulation in Europe (FORE) an der Gestaltung der Benchmarks beteiligt.
FORE
FORE entwickelte zu jener Zeit in Anlehnung an die OIA-Benchmarks für die euroäische Osteopathie den CEN-Standard EN 16686:2015 (Osteopathic healthcare provision). Ergebnis des europäischen Einflusses war eine schärfere begriffliche Trennung zwischen osteopathischer Medizin (ärztliche Osteopathie) und Osteopathie (nichtärztliche Osteopathie). Möglicherweise aufgrund der damaligen politischen Machtverhältnisse weisen die OIA-Benchmarks und der CEN-Standard einen erheblichen Einfluss der US-amerikanischen osteopathic medicine und der britischen Osteopathie auf. Am deutlichsten zeigt sich dies an den Lehrplänen, die in beiden Dokumenten umfangreiche naturwissenschaftliche sowie medizinisch-differenzialdiagnostische Kompetenzen als maßgebliche Bestandteile der Osteopathie benennen, subjektive Aspekte jedoch weitestgehend ausklammern. 2010 wurden die Benchmarks for Training in Osteopathy schließlich von der WHO veröffentlicht. 2015 folgte die Veröffentlichung des europäischen CEN-Standards.
Die WHO-Benchmarks und der CEN-Standard spiegeln vor allem ein ärztlich-angelsächsisches, also naturwissenschaftlich und medizinisch-differenzialdiagnostisch orientiertes Verständnis der Osteopathie wider.
VOD
2006 wurde der VOD als Vertreter der nichtärztlichen Osteopathie in Deutschland in der OIA als assoziiertes Mitglied aufgenommen (Vollmitgliedschaft 2009). 2007 kritisierte der VOD zusammen mit anderen europäischen Osteopathieverbänden die Benchmarks auf einer OIA-Veranstaltung in Mailand, möglicherweise weil das nichtärztlich-europäische Verständnis der Osteopathie darin zu wenig berücksichtigt war. Nachdem diese Intervention erfolglos geblieben war, versuchte der VOD im Rahmen von FORE ein eigenes internationales Standardwerk auszuarbeiten. Auch dieses Vorhaben scheint weitestgehend erfolglos geblieben zu sein (britischer Widerstands?)
Um 2010 dürfte allen Eingeweihten in der Berufspolitik klar gewesen sein, dass die WHO- und CEN-Richtlinien für die berufliche Anerkennung der Osteopathie auch in Deutschland maßgeblich sein würden. Daher hätte der VOD meiner Ansicht nach aus moralischer Verpflichtung gegenüber seinen nichtärztlichen Mitgliedern und den Teilzeitschulen sein internationales Engagement deutlich reduzieren müssen, um sich – so wie inzwischen die hpO – ganz dem Schutz der deutschen, nichtärztlichen Osteopathie vor ebenjener Professionalisierung als medizinische Osteopathie zu widmen. Es passiert aber etwas ganz anderes.
BEWERTUNG DER INSTITUTIONELLEN INTERESSEN
2011 wurde auf maßgebliches Betreiben des VOD die Hochschule Fresenius in Idstein als eine Einrichtung mit grundständigem Studium der Osteopathie gegründet, die sich stark an den WHO- und CEN-Richtlinien orientierte. In den Folgejahren unterstreicht der VOD seine Neuausrichtung mit der Initiierung drei weiterer gleichwertiger Hochschulangebote für Osteopathie. (Nach meiner derzeitigen Übersicht konzentriert sich ein großer Teil der grundständigen (‚Vollzeit‘-)Hochschulen an denen man Osteopathie studieren kann auf Einrichtungen, die dem VOD beziehungsweise der OSD nahestehen. Eine berufliche Anerkennung der Osteopathie könnte dazu führen, dass VOD und OSD eine Art Quasimonopol auf dem Gebiet der nichtärztlichen Osteopathie innehaben könnten.)
Gleichzeitig fordert der VOD und die mit dem VOD zusammenarbeitende BAO seit den 2010er-Jahren von den Teilzeitschulen zunehmend nachdrücklich, dass Lehrende eine wissenschaftliche Arbeit zur Osteopathie und zugleich den D.O.-‚Titel‘ nachweisen müssen. (Bei Letzterem handelt es um eine eingetragene Wort-Bild-Marke des VOD, deren Nutzung an einen kostenpflichtigen Lizenzvertrag geknüpft ist.) Seit Dezember 2025 werden Schulen, die die VOD-/BAO-Richtlinien – die sich eng an den WHO-/CEN-Vorgaben orientieren – nicht erfüllen, nur noch als ‚assoziierte‘ Institutionen geführt.
Was ebenfalls auffällt: In den Fakultäten sitzen Entscheidungsträgerinnen und Entscheidungsträger aus dem VOD-Umfeld.
Und noch ein delikates Detail: Soweit Lehrende an den beteiligten Hochschulen akademische Titel erhalten oder innerhalb verbundener institutioneller Strukturen berufen werden, stellt sich die Frage nach der Transparenz, der Unabhängigkeit und der Vergleichbarkeit dieser Verfahren mit etablierten Berufungs- und Qualifikationswegen. Existiert beispielsweise das an vielen Universitäten aus gutem Grund übliche Hausberufungsverbot (Man darf in der Regel nicht unmittelbar nach der Habilitation an derselben Universität auf eine ordentliche Professur berufen werden)? Aus meiner Sicht wäre es jedenfalls wünschenswert, die Kriterien und Verfahren für die Vergabe solcher Titel transparent darzustellen, denn sonst erhärtet sich der Verdacht, Professoren-Titel würden nur ‚intern‘ vergeben.
All diese Entwicklungen ab den 2010ern werfen aus meiner Sicht die Frage auf, welche persönlichen bzw. institutionellen Interessen mit der zunehmenden Akademisierung verbunden sind und inwieweit mögliche Interessenkonflikte transparent gemacht werden. Zugleich stellt sich die Frage, ob die möglichen Folgen der Ausrichtung an den WHO-/CEN-Standards in Bezug auf die Folgen für die nichtärztliche Osteopathie in Deutschland ausreichend reflektiert wurden. Dies aufzuklären, obliegt jedoch allein den Betroffenen oder den daran interessierten OsteopathInnen. Mir geht es in desem Editorial um etwas anderes…
Wie einleitend bereits erwähnt, wollte ich gerade anhand eines hochbrisanten Themas der Gegenwart erneut verdeutlichen, wie essenziell historische Forschung ist, um eine gegenwärtige Thematik kompetenter reflektieren zu können. Ich hoffe, das ist mir einigermaßen gelungen. Für mich bietet die Geschichte jedenfalls immer wieder eine hervorragende Möglichkeit, Motive, Gedanken und Handlungen jenseits des öffentlichen Lärms in aller Stille kritisch zu beleuchten – und gegebenenfalls zu revidieren. In diesem Sinn ist Geschichte ein großes Geschenk!
Ihr
Christian Hartmann
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